
Buchhalter oder Controller - wer sind die Gewinner neuer Rechnungslegungsstandards?
Vor dem Hintergrund, sich im unternehmensinternen Wettbewerb profilieren zu müssen, hat sich in den letzten Jahren ein gewisses Konkurrenzdenken zwischen den Finanz-Abteilungen entwickelt. Jetzt bewirkt die Einführung neuer Rechnungslegungsstandards offenbar eine Annäherung.
Als die große Liebe lässt sich das Verhältnis zwischen Buchhaltern und Controllern wohl kaum bezeichnen: Unterschiedliche Mentalitäten und in vielen Fällen ein wenig ausgeprägtes Interesse für die Aufgaben der jeweils anderen Abteilung fördern nicht gerade die konstruktive Zusammenarbeit zwischen Finanz-Controllern und Buchhaltern. Während letztere nach steuer- und handelsrechtlich festgeschriebenen Vorgaben arbeiten, sind dem Controller kaum Grenzen gesetzt, was die Verknüpfung und Interpretation der Zahlen betrifft, die er aus der Buchhaltung erhält.
Controlling hat sich zu sehr verselbstständigt
Nicht selten wird deshalb von einer Verselbstständigung des Controllings gesprochen, das sich als eigenständige Wissenschaft zu sehr von der Finanzbuchhaltung abgekoppelt habe. Dennoch ist das Finanzcontrolling ein wichtiges Instrument der Unternehmenssteuerung. Allerdings sollten Controller nach Meinung von Unternehmensberater Holger Kopietz Abstand davon nehmen, allzu komplexe Zahlenkorrelationen zu erarbeiten. "Entscheidend ist die Verdichtung und die Verknüpfung der relevanten Kennzahlen, auf deren Basis die Unternehmensführung tragfähige Entscheidungen für die Zukunft fällen kann. Wenn am Ende nur riesige Zahlenfriedhöfe entstehen, die den Blick auf das Wesentliche versperren", so Kopietz weiter, "ist das ein Kostenfaktor, den sich die Unternehmen zukünftig nicht mehr leisten können."
Schnittstellenaufgaben des Controllers
Kopietz sieht den Senior Controller vor allem in der Rolle eines Kommunikationsexperten, der die internen Prozesse erfassen, verstehen und gegenüber der Geschäftsleitung erklären muss. Dazu müsse er tief in den operativen Bereich eindringen, sich intensiv mit den einzelnen Abteilungen auseinandersetzen und die gewonnenen Informationen innerhalb des Gesamtkontextes strategisch bewerten. Diese Aufgabe obliegt in der Regel dem Senior Controller und dem CFO, den es in mittelständischen Unternehmen aber oft nicht gibt.
Kaufmännische Leiter oder Leiter Finanz- und Rechnungswesen sind nach den Erfahrungen von Holger Kopietz innerhalb des Tagesgeschäfts mit Verwaltungsaufgaben so ausgelastet, dass wenig Raum bleibt für Aufgaben des Finanzcontrollings. "Bei vielen Mittelständlern gibt es oft nur einen Junior Controller, der zwar die Zahlen innerhalb des internen Berichtswesens aufbereiten kann, dem es aber an Erfahrung fehlt, diese zu bewerten und daraus unternehmensrelevante Entscheidungen abzuleiten. Das Controlling bleibt hier auf halber Strecke und wichtiges Potenzial wird allzu häufig verschenkt. Es stellt sich die Frage, ob es hier nicht sinnvoll wäre, auch externe Hilfe in Anspruch zu nehmen, die auf dem bestehenden Berichtswesen aufbaut."
Engere Zusammenarbeit der Finanzabteilungen
Gerade im Zusammenhang mit den Anforderungen der internationalen, aber auch des neuen nationalen Rechnungslegungsstandards nach dem BilMoG werden die Anforderungen an Finanzbuchhalter und Controller noch weiter steigen. In der Übergangsphase wird es zu Bewertungsunterschieden kommen, die der Controller im Vorfeld abwägen muss und zusammen mit der Finanzbuchhaltung strukturell in die Bilanzen einbinden muss. Das heißt für beide Abteilungen: intensive Zusammenarbeit in den nächsten Monaten und voraussichtlich auch Jahren.
Vergleichbarkeit der Zahlen stellt große Herausforderung dar
Eine der größten Herausforderungen für das Unternehmenscontrolling ist die Vergleichbarkeit von Zahlen vor und nach der Umstellung auf den neuen Rechnungslegungsstandard: Um die Bewertungen besser einschätzen zu können, muss der Controller gemeinsam mit der Finanzbuchhaltung eine Überleitungsrechnung entwickeln und sich Lösungsstrategien für die im Raume stehenden Fragen überlegen: Wie müssen die Zahlen aufbereitet werden, damit sie vergleichbar sind und wie kann daraus ein realistisches Reporting im Übergangsstadium erstellt werden? Auch gegenüber externen Zielgruppen wie Banken wird sich möglicherweise der Erklärungsbedarf bei der Interpretation der veränderten Werte erhöhen.
Der Controller muss sich schon heute überlegen, wie sich seine Planungsrechnungen durch die neuen Standards verändern werden. Hat sich aus buchhalterischer Sicht etwas an der Bilanz verändert, sind die Gewinne höher, weil besser gewirtschaftet wurde oder weil nach anderen Maßgaben bewertet wurde? Mit anderen Worten: Spiegeln die Zahlen tatsächlich die betriebswirtschaftliche Realität wider? Eine wesentliche Bewertungsänderung ergibt sich z.B. aus der Aktivierungspflicht bei Eigenentwicklungen. Diese können die Ergebnisse natürlich zum Positiven verändern, was wiederum eine höhere Steuerbelastung zur Folge hat. Diese Einflussfaktoren muss das Finanzcontrolling bereits im Vorfeld der Umstellung in den Planungsrechnungen berücksichtigen.
Harmonisierung von internem und externem Berichtswesen
Ob IFRS, US-GAAP oder BilMoG - der buchhalterische Aufwand wird in den nächsten Jahren in jedem Fall deutlich steigen. Durch die gleichzeitige Ausarbeitung der Handelsbilanz und der Steuerbilanz nimmt die Auslastung der Finanzbuchhalter weiter zu - schon allein aufgrund der Menge der zu verarbeitenden Daten. Die Notwendigkeit einer engeren Zusammenarbeit der Finanzabteilungen steht laut Wolfgang Korm außer Frage: "Möglicherweise werden Finanzcontroller aufgrund von personellen Engpässen in der Übergangsphase sogar zu Zuarbeitern des externen Rechnungswesens", meint der Wirtschaftsprüfer und Interim Manager der TreuenFels Finance & Controlling Careers. "Generell wird sich das interne Berichtswesen zukünftig deutlich stärker am externen Berichtswesen ausrichten müssen", so Korm weiter. "Hier zeigen die internationalen Rechnungslegungsstandards bereits ihre Wirkung - gerade auch in der umfassenden Reform des HGB, das sich mit dem BilMoG den internationalen Standards annähert."
Starke Nachfrage nach IFRS-Fachkräften auch im Mittelstand
Aus den neuen Anforderungen ergeben sich auch veränderte Stellenprofile, sowohl in Konzernen als auch bei KMUs. Obwohl kleine und mittelständische Unternehmen in naher Zukunft nicht nach IFRS bilanzieren, orientieren sich die Ansprüche der Personalentscheider an den internationalen Standards: "Fachkräfte mit IFRS-Kenntnissen werden gerade im Mittelstand immer mehr nachgefragt", sagt Christian Lindner, Consultant Finance & Interim Manager bei TreuenFels. "Die ursprünglich eher getrennten Aufgabenbereiche rücken näher zusammen - es werden sowohl Controller mit IFRS-Background gesucht, die fest im Finanz- und Rechnungswesen verankert sind, als auch Finanzbuchhalter, die ein profundes betriebswirtschaftliches Know-how mitbringen."
Der Mittelstand ist gefordert, sich rechtzeitig auf die bevorstehenden Gesetzesänderungen einzustellen und jetzt darauf vorzubereiten. "Die Übergangsphase zum BilMoG hat bereits begonnen und schon jetzt können wichtige Weichenstellungen vorgenommen werden, die diesen Übergang wesentlich erleichtern werden," ist sich Unternehmensberater Holger Kopietz sicher. Fach- und Führungskräften im Finanz- und Rechnungswesen wird zukünftig viel abverlangt, und es ist eine zentrale Aufgabe, die passenden Strukturen zu schaffen und das Personal für die gestiegenen Herausforderungen aufzubauen, durch Weiterbildung, durch Neueinstellungen oder durch externe Berater oder Interim Manager. Angestellte mit fundierten Kenntnissen und Erfahrungen in den beiden Bereichen internationale Rechnungslegung und Controlling können zukünftig auf interessante Schlüsselpositionen innerhalb des Finanzwesens hoffen.
Lesen Sie, welche Fragen Entscheidern helfen können beim Umstellungsprozess von Finanzabteilungen auf die neuen Rechnungslegungsstandards.